Zu Besuch bei: Jonatan und seiner Liebhaberherde im Bregenzerwald

Zu Besuch bei: Jonatan und seiner Liebhaberherde im Bregenzerwald

5. November 2025 0 Von katrinsonne

Eine Herde, viel Herz, und meine erste Begegnung mit Steinschafen

Jonatan

Sulzberg, Bregenzerwald, Vorarlberg

6 Montafoner Steinschaf,3 Merino Schafe

8.11.2025

Sonne über den Alpen, leichter Wind

auf der Karte ansehen (dein WollSpur-Kartenlink)


Erstes Treffen


31.10. – Ankunft in Sulzberg (ca. 16:00 Uhr)

Begrüßt wurden wir von Thaddäus, der uns auch gleich einen Parkplatz beim Haus seiner Oma zeigte. Dann gingen wir direkt zu den neugierigen Tieren. Ein Steinschaf war besonders neugierig – Gerda.  Unsere Peaty, unser Tibet Terrier, war sichtlich eifersüchtig auf sie – doch Gerda war mindestens ebenso eifersüchtig auf jedes andere Schaf in der Herde welches wir fotografieren wollten. 

Gerda ließ sich berühren. Ich fuhr mit den Fingern tief in ihr Fell – es fühlte sich trocken an, das Lanolin spürte ich erst in den tieferen Schichten. Die Steinschafe sind erstaunlich unterschiedlich: in Farbe, Fellstruktur, einige sind gehörnt andere eben nicht und der Schwanz ist sehr buschig, zu mindestens bei einigen. 
Die jungen Lämmer sind zuckersüß, ihre Gesichter lustig gefleckt. 

Es gibt sechs Montafoner Steinschafe. Zwei sind ganz braun, zwei gescheckt und zwei hell. 

Zu diesen gehören auch drei Merinoschafe. Im Vergleich – verzeiht, liebe Merinos – wirken sie etwas unscheinbarer. Sie sind nicht so eindrucksvoll mächtig, aber dadurch wesentlich niedlicher und sie sind dreckig. Von der weißen Wolle ist nicht mehr viel zu sehen. Sie wirken noch sehr jung, aber die Rassen verstehen sich untereinander wirklich gut. Ach ja, sie sind viel kleiner als ich erwartet habe.


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Morgenstimmung

Der Tag begann mit einer wunderschönen Morgenstimmung. Noch vor dem 1.Kaffee ging Michael, mein persönlicher Fotograf 😉hinaus, um die ersten Fotos zu machen. 

Nun Kaffee…

doch ein halber Kaffee später kam die Sonne raus – und alles war in stimmungsvolles Licht getaucht. Es war unbeschreiblich schön. Die Tierhaltung ist hier ruhig und natürlich. In der Nacht standen Kühe neben uns. Sie sind auch etwas gedrungen und kuschelig. 

Die Schafe begrüßten uns neugierig, als wären wir schon alte Bekannte.

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Im Gespräch

Nach dem Frühstück wollten wir uns verabschieden – und endlich trafen wir auch Jonatan.

Ein junger, freundlicher und bescheidener Mann. Er gibt zu, wir hätten wirklich Glück mit dem Wetter gehabt. 

Ich nutzte die Gelegenheit, ihm ein paar Fragen zu stellen.
Warum er Schafe halte, wollte ich wissen. Seine Antwort war eine glatte Eins mit Sternchen. 

Seine Augen leuchten und er sagt: „Weil sie so schön sind. Weil es mir Spaß macht.

Ein Satz, der alles sagt.

Das brachte mich auf die zweite Frage. Warum werden denn nun eigentlich Montafon Schafe überhaupt gehalten? Sie geben keine Milch und die Wolle gibt mengenmäßig nicht viel her? „Sie sind wichtig für die Landschaftspflege. Früher hielten sie die Wäld

Und ich glaube, sie sind auch einfach großartige Begleiter. 

Da ich mich nicht entscheiden konnte, von welchem Steinschaf ich die Wolle nehmen sollte, habe ich kurzerhand beschlossen, sie alle zu nehmen. Für die kommenden Projekte wird das wohl nicht immer so bleiben – aber diesmal siegte die Neugier.

Jedes Tier ist anders, jede Faser erzählt eine eigene Geschichte: mal glatt, mal gekräuselt, immer wunderschön.
Die drei Merinoschafe sind noch jung, etwa ein Jahr alt, und ihre Wolle ist noch fein und kurz.

Am Samstag dürfen wir bei der Schur dabei sein – und ich freue mich schon darauf, jedes einzelne Vlies ganz genau zu studieren.

Das wird eine spannende Geschichte.

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Schurtag


8. November 2025

Die Sonne steigt gerade über den Bergen auf, als wir im Bregenzerwald ankommen. Es ist kühl, klar und still – noch. Heute ist Schurtag. Jonatan steht schon bereit, ein bisschen nervös.

„Wer ist wohl am aufgeregtesten?“, frage ich ihn.

Er lacht und sagt: „Ich.“

Ich muss grinsen. Ganz ehrlich – ich bin es auch. Für mich ist es das erste Mal, und ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Nur die Schafe wirken völlig unbeeindruckt.

Wir beginnen mit Gerda. Natürlich. Sie ist immer die Erste – ob sie will oder nicht. Die erste Hälfte geht schnell, das Vlies bleibt schön beieinander. Zwei Campingtische, ein alter Markisenstoff – das ist heute unser „Packtisch“. Doch dann hat Gerda genug. Sie zappelt, drückt sich weg, und kaum ist sie fertig, rennt sie in den Stall. Geschafft. Ich sammle alles ein, wickele es sorgfältig zusammen, beschrifte den Sack mit ihrer Karte.

Als Nächstes ist wieder ein Montafoner Steinschaf dran – das mit den zwei Lämmlein. Ein wunderschönes Tier, kräftig, behörnt, ruhig. Ich freue mich auf die Wolle. Noch läuft alles gut.

Dann kommt das braune Schaf. Ruhig zwar, aber irgendetwas stimmt nicht. Viel Fell bleibt stehen, die Schere rupft mehr, als sie schneidet. Jonatan kontrolliert, justiert, probiert – ohne Erfolg. Der Tisch ist bald übervoll, und die Arbeit zerrt an den Kräften. Zum Glück ist Jonathans Mama noch voller Energie und hält tapfer durch.

Ich hole meine GoPro, um festzuhalten, wie Jonatan die Reihenfolge wählt. „Na, nach welchem System?“, frage ich.

Er lacht wieder: „System? Ich nehme einfach das, was ich zuerst erwische.“

Und so kommt ein Lämmlein dran. Die Mutter blökt empört, das Kleine zappelt – seine erste Schur. Anfangs hält es still, dann merkt es, dass irgendwas nicht stimmt. Die Schere ist neu, die Einstellung zu hoch, das Unterfell zu dicht. Die Klingen werden stumpf, und das Lämmlein reißt sich los, läuft auf die Wiese und beginnt seelenruhig zu grasen.

Es dauert, bis der Fehler gefunden ist. Als Jonatan die Schere richtig einstellt, geht es endlich besser. Wir haben Zeit verloren, aber jetzt läuft alles rund.

Als alle sechs Steinschafe geschafft sind, kommen die Merino-Lämmlein dran. Stark, schnell, wild – und die aufkommende Müdigkeit macht es immer schwieriger, sie festzuhalten. Einmal wird Jonatans Mama umgeworfen, sie sitz auf, als das Schaf bockt, sie bekommt einen Tritt ab. Genug – am Ende muss das letzte Schaf an die Leine.

Dann, endlich, Ruhe. Die letzten Schnitte, das letzte Vlies.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig aufgelegt habe – die Merino Schafe sind ängstlich, ich halte lieber Abstand. Aber wir sind alle froh, als es vorbei ist.

Jonatan hat Schnitte, seine Mutter blaue Flecken. Ich würde sagen: 1:0 für die Schafe.

Aber was mich beeindruckt: Er bleibt ruhig, freundlich, liebevoll. Kein Ärger, kein Schimpfen. Nur Geduld. Er achtet mehr auf die Tiere als auf die Wolle – und das macht ihn mir noch sympathischer.

Michi hat auch geholfen, immer mit einem Leckerli zur Stelle, wenn eines unruhig wurde.
Das hat vieles leichter gemacht.

Am Ende stehen neun Säcke voll Wolle, markiert mit dem Passfoto des jeweiligen Schafes, da. Wir sind erschöpft, aber glücklich.

Die Schafe sind geschoren, nackt, zufrieden – und sie kennen mich jetzt.
Sogar die Kleinen kommen neugierig her, schnuppern an meiner Hand.

Dann sitze ich da mit einem Stapel Fotos – 1.131 Stück.
Eine Stunde später bleiben 225 übrig.

Und auf fast jedem Bild lächelt Jonathan. Selbst wenn es stressig war, hat er nie die Ruhe verloren. Wenn er seine Schafe ansieht, dann sieht man diese Zuneigung –
die still und echt ist, ohne Worte.

Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen, die mit so viel Herz alte Rassen erhalten. Jonathan hat sicher nicht viel Geld, und die Schafe kosten ihn mehr, als sie einbringen. Aber er tut es trotzdem.

Und genau das macht ihn für mich zu jemandem, den man einfach unterstützen will.

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Das erste Schaffell aussortieren


8./9. November 2025

Am Nachmittag kann ich der Versuchung nicht widerstehen. Ich öffne einen Sack – natürlich das Vlies eines Lämmleins – und beginne zu sortieren. Ich konnte nicht widerstehen – ich musste einfach anfangen.

Das Fell eines kleinen Lämmleins lag vor mir, noch fast so, als würde es atmen.

Ich baute mir meinen Arbeitsplatz auf der Terrasse auf. Es war kalt, die Finger wurden schnell steif, aber das Fell fühlte sich warm an – trocken, ein bisschen hart, und trotzdem vertraut.

Ich begann, die Fasern vorsichtig auseinanderzuziehen, loses Material und die kurzen Haare herauszuholen. Und dann war sie da – die schöne Wolle. Ich maß einzelne Strähnen, die meisten acht bis zehn Zentimeter lang, manche auch zwölf. Vermutlich jene, die die Schere verschont hatte. Mit jedem Büschel, das ich sortierte, kam mehr Struktur, mehr Farbe zum Vorschein.

Nach zwei Stunden war es dunkel, meine Füße eiskalt, aber ich war hin und weg.

Zwischendurch musste ich in die Wohnung flüchten, mich vor dem Ofen aufwärmen.

Und da spürte ich es: meine Hände wurden plötzlich ganz weich und glänzend – das Lanolin kam hervor. Also zog ich weiter, in einen kälteren Bereich der Wohnung, um das Fell nicht zu verändern.

Das Fett tropfte nicht, aber es war spürbar da, wie ein geheimer Gruß aus der Wolle selbst.

Und das Beste: es roch überhaupt nicht unangenehm.

Ich glaube, die Steinschafe darf ich sogar drinnen aussortieren – die Merinos vielleicht lieber nicht.

Das Fell war viel schöner, als ich erwartet hatte – weich, lebendig, und voller Versprechen. Mit etwas Arbeit – gut, mit mehr Arbeit – wird daraus bestimmt etwas ganz Besonderes.
Ich wasche es noch nicht, sortiere nur nach Farbe und Länge.

Am nächsten Tag, weitere viereinhalb Stunden später, war das erste Schaffell geschafft.

Ich glaube, Jonatan wäre stolz, wenn er das sehen könnte.

Am Ende des Tages, todmüde aber glücklich, bin ich in die Badewanne gestiegen.

Und während das warme Wasser die Kälte aus meinen Fingern zog, dachte ich nur:

Das war erst der Anfang.

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Vliese & Projekte

Lämmlein von Manu

Das Fell von Mimmi habe ich als erstes aussortiert. Es war eine Entdeckung pur.

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