Montafoner Steinschaf
5. November 2025Alte Rasse, neue Geschichten – meine Arbeit mit der Wolle der Montafoner Steinschafe.
Charakter & Eindruck
In Jonatans kleiner Herde leben sechs Montafoner Steinschafe – drei davon sind Lämmer, die im Februar zur Welt kamen.
Jedes sieht anders aus: eines hell, eines ganz dunkel, manche gescheckt – und alle sind erstaunlich klein. Das hat mich überrascht, denn die Tiroler Steinschafe in meiner Nachbarschaft sind deutlich größer.
Was mir aber besonders auffiel: Sie sind unglaublich zutraulich. Kaum ein Anzeichen von Scheu – und mittendrin Gerda, die wohl neugierigste von allen.
Als ich Jonatan nach einer besonderen Geschichte fragte, musste er nicht lange überlegen: „Gerda! Als Lamm schlüpfte sie immer wieder durch die Futterkrippe, stand plötzlich draußen im Garten und spazierte dort gemütlich herum.“
Und so ist das wohl mit den Kindern, um die man sich am meisten sorgt – sie wachsen einem besonders ans Herz.
Das älteste und wahrscheinlich beeindruckendste Schaf ist Manu. Sie ist schon sechseinhalb Jahre alt und trägt prächtige Hörner. Noch faszinierender fand ich ihre Zwillinge, Mimi und Tina, beide im Frühjahr 2025 geboren – zwei lustig gefleckte Wirbelwinde, die sie aufmerksam im Blick behält.
Dann gibt es das Maslein, ein braunes Schaf, geboren im Februar 2021. Es ist ruhig, freundlich und geduldig – besonders mit den Merinos versteht es sich bestens. Als ihr Fell fiel, kam darunter ein überraschend dunkles, fast schwarzes Schaf zum Vorschein.
Und natürlich Gerda – geboren im Februar 2022. Ihr helles Fell und der schwarze Kopf machen sie unverkennbar, und mit ihrer kleinen Glocke begrüßt sie jeden Besucher freundlich.
Gerda bekam im Frühjahr 2025 ihre Tochter Hilde – ganz braun, mit nur ein paar weißen Flecken. Niedlich, neugierig, und offenbar ein kleines Stück so zutraulich wie ihre Mama.
Zu Jonatans Herde gehören auch noch drei Merinoschafe – aber die bekommen ihre eigene Geschichte.






Eine alte Rasse mit fast verlorenem Erbe
Das Montafoner Steinschaf zählt zu den ältesten alpinen Schafrassen Österreichs.
Es entstand in den Tälern Vorarlbergs, wo Schafe über Jahrhunderte das Landschaftsbild prägten – widerstandsfähig, genügsam und an das raue Klima der Alpen perfekt angepasst.
Während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach verschwand die Rasse fast vollständig.
Mit dem Einzug moderner, ertragsorientierter Schafrassen hielt man die kleinen, langsam wachsenden Steinschafe für überholt. Viele Herden wurden aufgelöst, und um 1980 galten sie praktisch als ausgestorben.
Erst engagierte Züchterinnen und Züchter aus dem Montafon begannen, die Reste der Population zu sichern. Durch Zufall fand man noch einige Tiere, die typische Merkmale trugen – sie wurden die Grundlage für die Rettung dieser alten Rasse.
Heute gibt es wieder einige hundert Tiere, doch sie gelten weiterhin als stark gefährdet.
Ihre Wolle ist zweischichtig: außen robust und wetterfest, innen weich und fein – perfekt für Filz, Teppiche oder Handarbeiten, die Wärme und Struktur zugleich brauchen.
Ihre Farben reichen von silbergrau über beige bis tiefbraun, oft mit weißen oder schwarzen Zeichnungen im Gesicht.
Wer einmal mit der Wolle eines Montafoner Steinschafs gearbeitet hat, spürt, dass sie Charakter hat – so eigenwillig wie die Berge, aus denen sie stammt.
Vlies- und Wollmerkmale




Wolltyp
Mischwolle / Übergangsform zwischen Fein- und Grobwolle
(feine Unterwolle + Grannenhaare + Stichelhaare)
Farbe der Wolle
meist silbergrau, oft mit dunklerem Rücken; Naturtöne möglich
Stapellänge (cm)
10 – 15 cm
Lockenart
kraus bis wellig, eher glanzlos
Vliesgewicht (nach Schur)
individuell ca. 1,8 kg Rohvlies
Fettgehalt / Griffigkeit
mittlerer Wollfettanteil, im Rohvlies griffig; nach der Wäsche kompakt, formstabil und widerstandsfä
Verwendung / Eignung
Filzen (sehr stabil & kompakt)
Handspinnen
Robuste Textilien





Das erste Schaffell aussortieren
Noch am Schurtag konnte ich nicht widerstehen – ich musste einfach anfangen. Ich baute mir meinen Arbeitsplatz auf der Terrasse auf.
Das Fell eines kleinen Lämmleins lag vor mir, noch fast so, als würde es atmen.
Es war kalt, die Finger wurden schnell steif, aber das Fell fühlte sich warm an – trocken, ein bisschen hart, und trotzdem vertraut.
Ich begann, die Fasern vorsichtig auseinanderzuziehen, loses Material und die kurzen Haare herauszuholen. Und dann war sie da – die schöne Wolle.
Ich maß einzelne Strähnen, die meisten acht bis zehn Zentimeter lang, manche auch zwölf. Vermutlich jene, die die Schere verschont hatte. Mit jedem Büschel, das ich sortierte, kam mehr Struktur, mehr Farbe zum Vorschein.
Nach zwei Stunden war es dunkel, meine Füße eiskalt, aber ich war hin und weg.
Das Fell war viel schöner, als ich erwartet hatte – weich, lebendig, und voller Versprechen.
Am nächsten Tag, weitere viereinhalb Stunden später, war das erste Schaffell geschafft.
Zwischendurch musste ich in die Wohnung flüchten, mich vor dem Ofen aufwärmen.
Und da spürte ich es: meine Hände wurden plötzlich ganz weich und glänzend – das Lanolin kam hervor. Also zog ich weiter, in einen kälteren Bereich der Wohnung, um das Fell nicht zu verändern. Das Fett tropfte nicht, aber es war spürbar da, wie ein geheimer Gruß aus der Wolle selbst. Und das Beste: es roch überhaupt nicht unangenehm. Ich glaube, die Steinschafe darf ich sogar drinnen aussortieren – die Merinos vielleicht lieber nicht.
Am Ende des Tages, todmüde aber glücklich, bin ich in die Badewanne gestiegen.
Und während das warme Wasser die Kälte aus meinen Fingern zog, dachte ich nur:
Das war erst der Anfang.
800g , im linken Sack hinten ist nur Abfall, im rechten Sack sind die sehr kurzen Haare, der Rest ist bestimmt verwertbar…

Waschtag




Nein, die Neugier ist zu groß. Heute ist Waschtag! Nachdem ich alles so schön sortiert hatte, ging das erstaunlich einfach und flott. Ich hatte vier Behälter und konnte so meine kleinen Bündel sehr gut waschen. Die Wolle ist nicht sehr schmutzig. Aus dem braunen Fell kommt ein bisschen Farbe – hab ich das Gefühl. Denn aus dem weißen kommt das braune nicht? Also wird es nicht Dreck sein. Ich kam meistens mit einem normalen Waschgang aus. Schon beim Waschen spürte ich, wie angenehm sich die Wolle angriff. Ich habe die verschiedenen Sortierhaufen nummeriert und gewogen. Ich hoffe, ich denke daran, Sie nach dem Trocknen noch einmal zu wiegen.
Nur zweieinhalb Stunden später war alles auf den Wäscheständern aufgelegt. Es tropfte erstaunlich wenig.
Damit die Wolle schnell trocken wird, haben wir den Schweden Ofen eingeheizt Und dazu einen Lüfter aufgestellt.

Erste Arbeiten mit der gewaschenen Rohwolle
Am Abend waren erste Teile trocken und ich musste unbedingt versuchen, etwas damit zu erstellen. Natürlich fiel mir als erstes ein Schaf ein.
Ich habe es mit Trockenfilzen versucht also nadeln. Die Wolle ist ein bisschen störrisch, aber das kenne ich auch von anderer Wolle. Doch wenn sie greift, dann geht es fest. Ich habe jetzt ein ganz, ganz kleines Schäfchen gemacht, aber ich wollte versuchen mit verschiedenen Teilen der Wolle einfach das Schaf vollständig zu machen.

Ich denke, ich schaffe es, Mimmi in groß zu bauen, aber nicht heute! Und da noch ein ganz bisschen Zeit blieb, habe ich ein kleines Nassfilzprojekt gemacht. Was mir aufgefallen ist, es ist ein sehr dichter Filz geworden, obwohl ich gar nicht so viel aufgelegt habe. Drei Lagen, aber sehr dünn in der Mitte, habe ich versucht mit Locken zu arbeiten. Braune Locken, einmal etwas längere und einmal ganz, ganz kurze. Es filzt sehr schnell. Eigentlich wollte ich eine schnelle Kugel machen, aber da der Filz so schön dicht ist, habe ich um geplant und eine kleine Vase gestaltet.

Die gewaschene Wolle wieder auflockern & das erste Kardieren




Gleich am nächsten Morgen, um sechs Uhr, prüfte ich die Wolle auf dem Wäscheständer – sie war trocken.
Der nächste Schritt war das Aufzupfen. Also machte ich mich daran, meine sortierten Stapel einzeln zu nehmen, zu wiegen und sanft zu lockern.
Beim Aufzupfen veränderte sich das Volumen enorm:
Aus kleinen, dichten Häufchen wurden große, fluffige Wolken.
Ich ließ die Reihenfolge der Sortierung so, wie sie war. Einige Partien blieben fast unverändert, ich öffnete sie nur leicht. Andere, die ein bisschen zerrupft oder kompakter waren, habe ich richtig aufgeflockt. Dabei fiel noch feiner Staub heraus, und auch kleine Schnittreste lösten sich. Diese Arbeit dauerte vier, vielleicht fünf Stunden – eine ruhige, fast meditative Tätigkeit.
Doch bevor ich fertig war, gewann die Neugier. Ich schnappte mir einen der Stapel und ging zur Kardiermaschine. Würde es funktionieren? Ich war mir nicht sicher, die Fasern waren kurz und unregelmäßig.




Aber meine Vorarbeit zahlte sich aus:
Die Maschine lief ohne zu stocken, die Wolle lief leicht hinein, und schon nach kurzer Zeit war die erste Walze schön gefüllt. Dann hielt ich inne, um nach der hinteren Walze zu sehen – und konnte kaum glauben, was ich sah: Ein dichter, hellgrauer Vlies!
Ich nahm ihn vorsichtig ab – er war weich, gleichmäßig und hatte genau diese lebendige Struktur, die ich an Eigenwolle so liebe. Ich war begeistert. Glücklich! Es war ein richtiges Erlebnis – meine eigene Wolle, verwandelt in mein erstes richtiges Vlies.
Die letzte Stunde Auflockern ging danach fast wie von selbst. Morgen werde ich das Ergebnis ganz ausgebreitet vor mir haben. Ich bin schon wieder neugierig – und ein bisschen müde.

Endspurt – Kardieren, die Wolle wird zu Vlies




Heute habe ich in nur zwei Stunden die sortierte, aufgelockerte Wolle durch die Kardiermaschine laufen lassen. Ich begann mit der hellsten Wolle, danach kamen die grauen Sorten – und fast am Ende natürlich die dunkelste. Zum Schluss verarbeitete ich den Haufen mit der sehr kurzen, aber wunderbar weichen weißen Wolle.
Was ich dabei gefühlt habe?
Stolz.
Mein Gott, jedes Mal, wenn ich das Vlies abnahm, hat es mich tief berührt. Das ist meine Wolle – hart erarbeitet, aber ganz meine eigene.
Die sehr helle Wolle ließ sich noch gut verarbeiten. Die gemischten Grautöne dagegen waren recht schwierig: sie wirkten trockener, und es blieb viel in der ersten Walze hängen. Doch bald hatte ich heraus, wie man sie einfach sauber bekommt – und dann ging es viel besser.
Manchmal habe ich das Vlies anschließend noch ein zweites Mal kardiert; es wurde dann merklich weicher.
Die längere braune, also dunkelste Wolle ließ sich ebenfalls gut verarbeiten, auch wenn davon nicht so viel da war. Weil die Rolle nicht so voll war und sich das Vlies schwer abnehmen ließ, habe ich die Walze nur halb befüllt – das funktionierte wunderbar.
Wieder was gelernt!
Am Ende habe ich alles gewogen – und war richtig happy:
Ca. 300 g fertige Wolle vom Steinschaf (inkl. der Ausstellungsteile und des Kisteninhaltes), und das von einem einzigen kleinen Lämmlein!
Die Vliese zum Verarbeiten habe ich zusammen mit einer Kiste, in der besonders schöne Locken und Strukturen liegen, in einem großen, luftdicht verschließbaren Sack verstaut. Von allen Wollsorten habe ich außerdem ein Stück beiseite gelegt, um es später in meiner Ausstellung zu zeigen.
Das war jetzt Mimmis Fell – und ist das nicht großartig? Mimmi geht es gut, und ihr Wollhaar kann nun wunderbar verwendet werden. Natürlich kreisen meine Gedanken schon darum, was ich daraus Schönes machen könnte.

Und was passiert mit den kleinen Restsäckchen – der Abfall- und Schnittwolle?
Na ganz einfach: Der Winter steht vor der Tür, und die Pflanzen freuen sich bestimmt über die paar Gramm, die übrig geblieben sind.
Die Arbeit ist getan, alles ist verpackt – und ich bin rundum glücklich, wenn auch ein bisschen k. o.
Wollgewicht nach Schur
Restesack nach Schur
Stapellänge
Vliesgewicht & Locken
820g
60g
8-13cm
490g
Jede Faser hat jetzt ihren Platz – im Vlies, im Werk und in meinem Herzen. So endet der Weg der Wolle – und es beginnt ihr zweites Leben.













